Strahlend schön!

Also, wissen Sie, manchmal kommt man ja nur mit Dingen in Berührung, weil ein äußerer Impuls es unausweichlich macht. So ging es mir zu Studienzeiten mit Hasen- und Taubenzüchter-, Teckel- und Schrebergartenvereinen. Hätte ich nicht als feste Freie für verschiedene Tageszeitungen geschrieben, wäre ich nie mit diesen Phänomenen gesellschaftlichen Lebens in Kontakt gekommen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wendland. Hätte ich nicht einen Kundentermin in Sachsen-Anhalt gehabt, lebte ich in Stade nicht am infrastrukturellen Ende der Welt, gäbe es hier direkte Autobahnanbindungen – ich wäre doch niemals über Land gefahren! Schon gar nicht durch dieses. Diesen Landstrich, den man doch nur von Tagesschau-Bildern kennt: Castortransporte, aufgebrachte Bauern, eine alljährlich aufs Neue wild gewordene Claudia Roth, die sich auf irgendwelchen Urtypen von Träckern aufbaut, wie sich sonst andernorts nur die Pin-Ups auf hochmotorisierten Maschinen räkeln. (Frau Roth, Frau Roth, Sie haben da möglicherweise wirklich Potenzial…).

Von Bildern jedenfalls, die nicht gerade dazu einladen, sich freiwillig ins Wendland zu bewegen. Es sei denn, man wollte zu den jährlichen Aktionstagen seinen Beitrag am Schottern leisten und sich in zunehmend lächerlicher Manier auf Steuerzahlerkosten an Gleisen festketten (um sich später darüber zu mockieren, dass man leider mit seinem HartzIV-Satz nicht auskommt. Wie auch, wenn die dafür eigentlich vorgesehenen Solidarmittel in die verschiedenen Entfesselungsmaßnahmen investiert werden müssen?!).

Löst man sich von derlei bizarren Eindrücken, und hat man das Glück an einem milden Frühjahrstag (einem der wenigen hierzulande) durch die nach Dackelohren riechenden Rapsfelder zu reisen, entpuppt sich dieser so geschunden geltende Landstrich als die reinste Offenbarung. Wohin das Auge reicht reckt sich um diese Jahreszeit sattestest Gelb in den – muss man es in dieser Region gar wörtlich nehmen? – strahlend blauen Himmel. Die Straßen sind gesäumt von üppigen Fliederbüschen (und gelben Andreaskreuzen, die bisweilen mahnend den Blick auf diese so liebliche und wohlwollende Landschaft verstellen).

Weshalb man im Wendland Straßen gebaut hat, erschließt sich dem Reisenden nicht sofort, denn über Stunden bewegt man sich allein auf weiter Flur. Niemand hinter, noch vor einem. Machte man selbst mit dem eigenen Gefährt keinen Lärm, herrschte allumfassende Stille. Einzig zu hören, der laue Luftzug, der den Dackelohrengeruch der Rapsfelder heranweht.

Gemächlichkeit kommt einem in den Sinn. Bis der nächste Castor rollt und wieder alles hektisch wird.

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