Sichtweise versus Durchblick

Norbert hat eine, Frank-Peter hat eine, Jens hat eine, sogar Guido hat eine. Eine neue Brille. Eine dieser Brillen, die man bei Woody Allen seit jeher für ästhetisch grenzwertig hielt. Ein brachiales Hornimitat, dass wohl als interfraktionelles Statement gedacht ist. Doch wofür? Steht, wer eine solche Brille trägt in der Tradition der Existenzialisten? Haben wir es gar nicht mit Politikern, sondern mit Sexualtherapeuten, Großstadtneurotikern oder Architekten zu tun? Ferner: Gibt es zwischen diesen Gattungen einen merklichen Unterschied? Schließlich setzen sich doch alle irgendwie mit Bau oder Abbau von Luftschlössern auseinander, oder nicht?

Von Steinmeier kennen wir das ja schon: neue Aufgabe = neue Brille. Das zieht sich ja wie ein – im wahrsten Sinne des Wortes – roter Faden durch seine Karriere. Röttgen stand zwischenzeitlich mit dem neuen Modell wohl schon mal vor dem heimischen oder sonst einem Spiegel und kehrte möglicherweise reumütig zum vorherigen Modell zurück. Westerwelle glaubte vielleicht von den Spuren der Pubertät, die seine Haut zeichnen, ablenken zu können, führt den Blick des Betrachters mit dem zweifelhaften Bekenntnis zur Brille jedoch nur unnötig auf sein faciales Pergament des Erlebten. Und Jens Spahn. Der hat vielleicht einfach einen besten Freund, der ihm zuflüsterte, er müsse etwas flotter wirken. Wir könnten bei der aktuellen Brillenmode der Berliner Republik das Brüllen kriegen, aber wir sind ja auch vom Lande.

Allen gemein ist jedenfalls, dass der geneigte Zuschauer nicht auf Anhieb feststellen kann, dass die Wahl der Brillen zu wahrnehmbar mehr Durchblick geführt hätte.

Vielleicht sind wir aber auch einfach nur zu spießig, um den Trend unserer Zeit richtig einordnen zu können. Vielleicht aber auch nicht. Es ist ja nicht so, dass wir zum Autofahren nicht auch eine Brille bräuchten. Raten Sie mal, was wir uns da auf unsere Nasen klemmen? Richtig. Eine Sexualtherapeuten-Brille. Und wissen Sie warum? Weil Sie uns – im Gegensatz zu den zuvor genannten Probanden, versteht sich – unheimlich autoritär erscheinen lässt. Man könnte glatt meinen, wir wären es auch. Vor allem dann, wenn wir Ihnen die Sporen geben, damit Sie mit Ihren Unternehmensangelegenheiten ordentlich PS auf die Straße bringen. Schließlich ist es mitunter ganz ratsam, mal einen scharfen Blick auf die Dinge hinter den Dingen zu werfen. Oder auf die Menschen hinter den Dingern; also hinter den – na, Sie wissen schon…

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